Uschguli

Tradition und Tourismus

Uschguli ist einer der bekanntesten Orte in Swanetien. Seit einigen Jahren ist es Trend, Mehrtageswanderungen von der Regionshauptstadt Mestia hierher zu unternehmen. Demzufolge boomt der Tourismus.⠀

Teile Uschgulis gehören unter anderem wegen seiner swanischen Wehrtürme zum UNESCO-Welterbe. Die Wehrtürme wurden ursprünglich zur Verteidigung, als Zuflucht oder als Wachturm genutzt. Oft stehen gleich mehrere Türme dicht beieinander, da die einzelnen Familienverbände jeweils einen eigenen Turm hatten. Leider wird die Einhaltung des Denkmalschutzes von staatlicher Seite nicht kontrolliert. So droht Uschguli ähnlich wie Mestia seinen historischen Scharm zu verlieren. Viele Einwohner bauen ihre Häuser nämlich wegen der wachsenden Touristenströme in nicht historischer Art und Weise aus. Teilweise entstehen auch schon kleinere Hotels im Stil von schweizerischen Alpen-Chalets.

Trotzdem ist dieser Ort (noch) wunderschön und man hat hier einen atemberaubenden Blick auf den höchsten Berg Georgiens, den 5.201 m hohen Schchara. Außerdem kann man von hier aus tolle Wanderungen unternehmen. Eigentlich waren wir auch deshalb hier. Leider hatte ich (Chris) mir in Mazeri die Hacken blutig gelaufen, sodass an längere Strecken nicht zu denken war. Es reichte aber um den Ort zu erkunden. Es gibt hier und da kleine Shops, wo man das nötigste einkaufen kann und viele familienbetriebene Cafés und Restaurants, die ausschließlich georgische Küche servieren. Außerdem kam Jasmin besuchen, mit der wir uns bereits in Batumi getroffen hatten. Auf unser Wiedersehen stießen wir mit einem schönen Glas georgischen Wein an. Übrigens ging für uns in Uschguli ein großer Wunsch in Erfüllung: Wir konnten jede Menge zutrauliche Schweine streicheln! Wir fanden sogar heraus, dass Schweine eine Art Not-Aus-Schalter haben. Streichelt man sie am Bauch, werfen sie sich kurz darauf auf die Seite, entspannen auf der Stelle und geben etwa alle 20 Sekunden grunzende Seufzer von sich. 

Kino und Kultur

Am Abend gingen wir ins Kino. Ja, Uschguli hat tatsächlich ein Kino. Wir saßen auf selbstgezimmerten Holzrängen mit provisorischen Sitzpolstern. Ein Beamer, der an einen Laptop angeschlossen war, projizierte den Film auf die Leinwand. 97 Minuten in swanische Sprache mit englischem Untertitel. Der etwas düstere georgische Streifen, der in Uschguli gedreht wurde, hatte alles: Eine ungewollte arrangierte Heirat, Auflehnung gegen Traditionen, Liebesdrama, Mord und Totschlag, unerwartete Twists und Einblick in die swanische Kultur. 

Die Swanen sind so etwas, wie die Hüter georgischer Geschichte. Einige der jahrhunderte alten Bräuche und Sitten haben teilweise noch bestand. So werden zum Beispiel in Swanetien Elemente der traditionellen Rechtsvorstellung auch heute noch praktiziert. Ältestenräte oder Meditationsgerichte verhandeln unter anderem Heiratsangelegenheiten, Diebstähle und Ehrverletzungen. Seine Unschuld beteuert der Angeklagte durch einen Schwur auf eine Ikone. Eine Ikone ist ein geweihtes Heiligenabbild, über das durch den Schwur eine Art moralischer Vertrag mit Gott eingegangen wird. Die historischen Werte sind so stark in der Gesellschaft verankert, dass selbst zu Sowjet-Zeiten die sozialistische Ideologie in Swanetien nie ganz Fuß fassen konnte. Das sowjetische Rechtssystem wurde auch aufgrund starken Widerstands der Swanen nicht konsequent genug eingeführt, sodass neben offiziellen Gerichten weiterhin parallel traditionelle Rechtsinstanzen erhalten blieben.

Der Höllenpfad durch den Kaukasus

Um aus Uschguli abzureisen, gibt es zwei Möglichkeiten. Wieder über Mestia, wie wir gekommen waren, oder über den Zagari-Pass. Google lügt nicht. Von hier aus kalkulierte die App knapp 6 Stunden Fahrzeit nach Katskhi. Okay, 6 Stunden für 230 km, klingt hart. Aber es ist nunmal ein Bergpass und das was wir bisher an georgischen Straßen erlebt haben, machte die Berechnung durchaus realistisch. Was wir nicht ahnten: 6 Stunden waren maßlos untertrieben!

Der Weg führte zunächst über eine ähnliche Schotterpiste, wie wir sie schon vom Hinweg kannten. Links der Hang, Rechts der Abgrund, massig Schlaglöcher, aber alles halb so wild. Die Landschaft hier war einfach umwerfend schön! Je weiter wir den Pass entlang fuhren, desto näher kamen uns die weit über 4.000 m hohen schneebedeckten Gipfel. Außer ein paar Motoradfahrer, die uns überholten und zwei Frauen auf Fahrrädern, schien außer uns niemand auf dieser Route unterwegs zu sein. Allein das hätte uns stutzig werden lassen müssen. Auf den Hängen waren ein paar Bauern mit der Heuernte beschäftigt. Wir erreichten die höchste Stelle des Passes auf 2.600 m.

Danach wurde es wirklich heftig. Der Weg wurde schmaler und felsiger und es ging steil bergab. Größtenteils konnten wir höchstens Schritttempo fahren. Unserem 4×4 Geländewagen verlangte dieser Weg wirklich alles ab! An einer Stelle gab es allen Ernstes eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 20 km/h. Das Auto wollen wir sehen, dass dort tatsächlich 20 fährt! Die weitere Strecke führte teilweise über Baustellen, da hier der Pass in den nächsten Jahren besser ausgebaut werden soll. Zwischen den Bauabschnitten wurde es allerdings immer wieder so richtig hässlich. Von extrem schmal, über matschig bis beängstigend steil, war alles dabei. Einige Passagen wären selbst für Fußgänger eine Herausforderung gewesen. Wir mussten an die beiden Damen am Anfang des Passes zurückdenken und hofften für sie, dass sie nicht vorhatten, den gesamten Pass auf dem Fahrrad zu meistern. 

Kettenbagger in der Wand

An einer besonders schmalen Stelle kam uns auf einmal ein großer Kettenbagger entgegen, der auf dem Weg von einem Bauabschnitt zum nächsten war. Aneinander vorbei ging es nicht, da allein der Bagger eine doppelt so weite Spurbreite als unser Auto hatte. Wir dachten schon, wir müssen mehrere hundert Meter rückwärts bis zur nächsten Ausbuchtung fahren, die schon vorwärts fast unmöglich waren. Doch plötzlich drehte sich der Ausleger samt Fahrwerk kurzer Hand um 90 Grad und der Koloss fuhr fast senkrecht in den Hang hinein, um uns mit heruntergeklappten Kinnladen vorbei zu lassen.

Nach ca. 60 km erreichten wir tatsächlich so etwas wie eine normale Straße. Es dauerte bis hier hin unfassbare 6 Stunden. Und das, obwohl der größte Teil der Strecke noch vor uns lag. Zum Glück dauerte die restliche Fahrt „nur“ noch 3 Stunden. Und zum Glück müssen wir diesen Pass nie wieder fahren! Wir hatten uns bisher noch gar keinen Namen für unser Auto überlegt, wie wir es bereits in der Slowakei für Turtle-Car taten. Aber nach dem Zagari-Pass kam eh nur noch ein Name in Frage: „The Machine“!