Addis Abeba

Couchsurfing bei Nadir

Vorab: Wer hier jetzt tolle Geschichten über Land und Leute erwartet, den müssen wir leider bitter enttäuschen. Außerdem wollen wir hier keinesfalls Äthiopien schlecht machen. Wir schildern hier nur unsere Erlebnisse. Aber beginnen wir ganz von vorne.

Der erste Flug auf unserer Reise brachte uns von Istanbul, über Kairo nach Addis Abeba. Wir hatten vorher schon Kontakt zu einem super netten Äthiopier über Couchsurfing aufgenommen. Für alle, die es nicht wissen, Couchsurfing ist eine Internetplattform, auf der Leute auf der ganzen Welt ihre Couch oder ein Gästebett umsonst zur Verfügung stellen. Für uns auf jeden Fall die optimale Gelegenheit sofort mit Einheimischen in Kontakt zu kommen und alle wichtigen Informationen für einen guten Start zu sammeln. Unser Couchsurfing-Gastgeber Nadir, ist einfach unglaublich! Gastfreundlich und großzügig. Er holte uns sogar morgens um 6 Uhr mit seinem Auto vom Flughafen ab. Vor seiner Arbeit! Wir glauben, dass das wirklich nicht jeder einfach so machen würde. Schon gar nicht für völlig Fremde.

Nadirs Wohnung liegt in der 13. Etage, welche jedoch als 12. nummeriert wurde. Dafür gab es die dritte gleich zweimal. Ob sich jemand verzählt hatte, oder man aus Aberglaube einfach kein 13. Stockwerk haben wollte, war uns beim Hochschleppen unseres viel zu schweren Gepäcks herzlich egal. Einen Fahrstuhl hatte man nie eingebaut. Nur die Schächte existierten. Für Nadir war es eine Selbstverständlichkeit, dass er einen unserer Rucksacktrolleys hinauf trug. Er setzte uns in seiner Wohnung ab und fuhr zusammen mit seinem Mitbewohner Million zur Arbeit. Er brachte uns vollstes Vertrauen entgegen, indem er uns völlig allein in seinem Zuhause ließ. Die Wohnung war einfach und bestand aus Wohnzimmer, zwei Schlafnischen, Küche und Bad. Die Küche und das Bad waren, naja sagen wir mal, nicht besonders aufgeräumt und hatten längere Zeit keinen Schwamm mehr gesehen. Männer-WG halt. Wasser gab es nur alle paar Tage mal für ein paar Stunden. Für wasserlose Tage haben Nadir und Million ein großes Fass im Badezimmer, das sich erschreckend schnell leerte. Floss auch dann noch kein Wasser, wenn das Fass zur Neige ging, musste man mit etlichen Flaschen, Wasser aus einem großen Vorratscontainer unten vor dem Haus 13 Stockwerke nach oben schleppen. Wir durften in Nadirs Bett schlafen, was wir auch für ein paar Stunden taten.

Nadir kam am späten Nachmittag wieder nach Hause. Im Schlepptau, zwei weitere Backpacker, die bereits am Anfang ihrer Äthiopien Reise bei ihm wohnten. Lucy aus Argentinien und Luke aus Neuseeland. Die beiden hatten den Norden und den Süden des Landes bereist und hatten jede Menge Tipps für uns parat. Mit allen gemeinsam fuhr Nadir mit uns in ein Restaurant, wo wir das erste Mal Injera, das traditionelle äthiopische Fladenbrot aßen. Die Konsistenz ist wie die eines feuchten Eierkuchens, der jedoch säuerlich schmeckt. Dazu isst man verschiedene Pasten, die meist aus Hülsenfrüchten wie Linsen, Erbsen, Bohnen oder Kichererbsen bestehen – Die sogenannten Wots. Wots können vegetarisch, aber auch fleischhaltig sein. In dem von Nadir gewählten Restaurant bekamen wir die Luxusvariante mit vielen unterschiedlichen Wots, während man in einfacheren Lokalen meist nur eine Paste bekommt. Auch hier zeigte Nadir wieder unfassbare Gastfreundlichkeit und lud sowohl Lucy und Luke, als auch uns beide ein. Million tauchte die ganze Nacht nicht auf, sodass alle Platz zum Schlafen fanden. Lucy und Luke auf den selbstgezimmerten Sofas im Wohnzimmer, wir beide in Nadirs Bett und Nadir im Bett von Million.

Erste Eindrücke von Addis Abeba

Das Wasser funktionierte am nächsten Morgen, sodass es perfektes Timing für eine Dusche war und das Fass aufgefüllt werden konnte. Zusammen mit Lucy und Luke gingen wir anschließend das erste Mal so richtig hinaus auf die Straße. Addis Abeba ist sandig, schmutzig und machte irgendwie einen unfertigen Eindruck. Es gibt sehr viele Baustellen, auf denen sich offensichtlich seit Jahren nichts tat. Selbst bewohnte Gebäude, waren meist nicht vollständig fertiggestellt. Manchmal fehlten Fenster, manchmal waren nur die untersten Stockwerke “fertig” und manchmal fehlte der “Feinschliff”, wie eben zum Beispiel ein ursprünglich geplanter Fahrstuhl. Relativ viele Obdachlose und Bettler prägen das Straßenbild. Wir frühstückten in einem kleinen Café, wo es selbstverständlich wieder Injera gab. Diesmal das einfache. Zwei Personen wurden hier locker für gerade einmal einen Euro satt. Danach kauften wir uns äthiopische SIM-Karten und gingen zurück zur Unterkunft.

Lucy und Luke – Bewundernswerte Reisende!

Lucy liebt es Touren zu planen. Sie erstellte für uns mit liebevoller Mühe eine Route für den Norden und den Süden Äthiopiens, inklusive selbstgezeichneter Landkarte. Man muss dazu sagen, dass die beiden extrem günstig reisen. Sie waren fast ausschließlich bei Einheimischen als Couchsurfing-Gäste untergekommen, größtenteils unter einfachsten Bedingungen ohne fließend Wasser. Einmal haben sie sogar zwischen Ratten geschlafen, sodass Luke am nächsten Morgen mit einem dieser Nager auf der Brust erwachte. Sie gaben uns Tipps zu den Gepflogenheiten und alltäglichen Dingen, wie dem Handeln. Außerdem erklärten sie uns, dass man niemals den ersten Preis glauben soll, der einem genannt wird und sich stets mit Händen und Füßen vergewissern muss, dass man nicht über’s Ohr gehauen wird. Gereist sind die beiden sehr oft auch mit Minibussen, in die meist über 20 Leute hineingequetscht werden, obwohl offiziell nur Platz für 10 wäre.

Slapstick zum Abendessen

Zum Abendessen ging es für uns in ein Restaurant gleich nebenan. Was hier passierte, grenzte an Slapstick oder versteckte Kamera. Der junge Kellner nahm unsere Bestellung auf. Da wir davon ausgingen in Äthiopien in den kommenden Wochen mehr als genug Injera zu bekommen, bestellten wir einen Cheese-Burger und gebratenen Reis mit Gemüse. Lucy und Luke hatten ihre Bestellung bereits bekommen, als bei uns erste Zweifel aufkamen. Auf Nachfrage erklärte uns der Kellner, dass er uns vergessen hätte. Und das obwohl er sich vorher extra in der Küche nach der Verfügbarkeit des Burgers vergewissert hatte. Wir bestellten erneut. Doch statt dem Essen brachte er die Rechnung. Nochmals machten wir ihm klar, dass auch wir ganz gerne heute noch etwas zu Essen hätten. Es vergingen weitere 20 Minuten. Wir wurden erneut skeptisch und fragten wieder nach. Allen Ernstes hatte er uns ein zweites Mal vergessen. Außer uns waren nur noch zwei weitere Gäste im Raum. An Überarbeitung hatte es jedenfalls nicht gelegen. Wir tippten abermals vehement auf die Gerichte in der Karte und verdeutlichten mehrfach mit unmissverständlichen Gesten, wer welches Essen haben wollte.Weitere 20 Minuten später: Er brachte tatsächlich den Cheese-Burger. Nur leider ohne Käse. Aber egal, immerhin. Inzwischen waren eineinhalb Stunden vergangen und um ganz sicher zu gehen fragten wir erneut nach dem gebratenen Reis. Als er dann fragte, welchen Reis wir meinten, entglitt uns wirklich allen das Gesicht. Das hatte nichts mehr mit Vergesslichkeit zu tun. Sogar die Putzfrau wusste, was wir bestellt hatten. Sie wischte inzwischen den Boden, weil wir mittlerweile die einzigen verbliebenen Gäste waren. Mit ihrer Hilfe brachten wir die letzte Bestellung irgendwie über die Ziellinie und erhielten nach weiterer Wartezeit unglaublicher Weise doch noch gebratenen Reis. Nach über 2 Stunden hatte dann tatsächlich jeder etwas gegessen und wir konnten endlich zurück in die Wohnung.

Gemischte Gefühle

Trotz des sehr lustigen Abends mit Lucy und Luke, lagen wir mit gemischten Gefühlen im Bett. Wir konnten nicht wirklich gut einschlafen. Zu viele Gedanken drehten sich in unseren Köpfen. Die Erzählungen der beiden, weckten einerseits große Lust in uns, dieses wunderschöne Land mit seiner atemberaubenden Natur und den vielen ursprünglichen Stämmen zu entdecken. Andererseits hatten wir ein komisches Bauchgefühl, da uns natürlich auch erklärt wurde, dass es nicht einfach ist Äthiopien zu bereisen. Auch ihre teils unangenehmen Erfahrungen, die meist mit dem Verhalten übereifriger Verkäufer zu tun hatten, dämpften unsere Vorfreude etwas. Wenn man zum Beispiel bei Verhandlungen zu erkennen gibt, dass man nicht oder nicht mehr interessiert ist, werden einige Äthiopier richtig böse und unangenehm. Es kommt auch schon mal vor, das es gewalttätige Auseinandersetzungen gibt, nur weil ein Geschäft nicht zustande gekommen ist. Selten mit Interessenten, aber oft unter den Geschäftstreibenden selbst, wenn einer dem anderen versucht das Geschäft streitig zu machen. Man hatte sich eigentlich nur ein weiteres Angebot eingeholt und schon prügelten sich die Verkäufer wortwörtlich um die Kunden. Allgemein ist es schwierig in Äthiopien Dinge oder Dienstleistungen zu kaufen. Oft gibt es angeblich nicht das was du willst, sondern nur die doppelt so teure Alternative. Ein Beispiel: Lucy und Luke wollten ein einfaches Zimmer mit Außentoilette in einer Pension. Aussage der Rezeptionistin: “Sowas haben wir nicht. Aber ein Zimmer mit privatem Bad. Kostet natürlich mehr.” Erst nach langem Hin und Her und nachdem Lucy auf ein offen stehendes Zimmer im Flur zeigte, in dem es tatsächlich kein Badezimmer gab, war es auf einmal kein Problem das günstigere Zimmer zu bekommen. Man muss halt immer ewig diskutieren und meist 10 verschiedene Leute nach einer Information fragen. Wenn man Glück hat, bekommt man eine ungefähre Aussage, im schlimmsten Fall bist du auch danach noch nicht schlauer. So sollte es uns auch an nächsten Tag ergehen.

Ein wunderschönes Land lag vor uns

Unterbewusst schoben wir unsere Unsicherheit beiseite und gewährten der Euphorie Vorfahrt. Wir entschieden uns zunächst den Norden mit seinen wunderschönen Nationalparks zu bereisen. Unter anderem, kann man hier die Tisissat-Wasserfälle sehen. Hier stürzt der Blaue Nil 42 Meter auf einer Breite von bis zu 400 Metern in die Tiefe. Während der Regenzeit sind sie die zweitgrößten Wasserfälle Afrikas. Außerdem wollten wir im Simien-Mountain-Nationalpark wandern gehen. Hier gibt es eine äußerst seltene Pavianart, die nur hier im Hochland Äthiopiens lebt. Auch der ostafrikanische Grabenbruch wäre sehr interessant für uns gewesen, wo es Vulkanismus zu bestaunen gibt. Der Erta Ale, ein Schildvulkan, dessen aktiver Lavasee auch Tor zur Hölle genannt wird, wäre dort eines der Highlights gewesen. Unser erster Stopp sollte ursprünglich Lalibela werden.

Odyssee am Busbahnhof

Wir machten uns also auf den Weg zum Busbahnhof am Meskel-Platz. In dessen Umgebung befinden sich die zahlreichen Ticket-Büros der einzelnen Buslinien. Büros ist dabei vielleicht übertrieben. Eigentlich waren es nur kleine Bau-Container mit provisorisch anmutenden Schreibtischen und ein bis drei Mitarbeitern, teilweise versteckt in unscheinbaren Hinterhöfen. Wir hatten uns bereits für eine Linie entschieden und suchten gezielt nach dem dazugehörigen Büro. Auf dem Meskel-Platz waren wir sofort von mehreren Leuten umzingelt, die alle den richtigen Weg zu unserem Ticket-Büro kannten, dabei jedoch jeweils in unterschiedliche Richtungen zeigten. Hier kam es zur ersten unschönen Situation. Einer der, wir nennen sie jetzt mal “Hilfsbereiten”, wollte uns direkt eine komplette Tour für den Norden andrehen. Nachdem wir ihm freundlich aber auch mehrmals zu verstehen gaben, dass wir erst einmal nur in den nächsten Ort wollten und noch nicht wissen, was genau wir alles sehen wollten, änderte er schlagartig seine Stimmung und brüllte uns an: “Wenn ihr nicht wisst, was ihr hier wollt, dann verpisst euch aus Äthiopien!” Etwas irritiert setzten wir unsere Suche fort, stets begleitet von mehreren “Helfern”. Nach drei erfolglosen Anläufen erhielten wir überall die Information, dass es keine Direktverbindung nach Lalibela gäbe und man nur über Umwege und für mehr Geld dorthin gelangen könne. Wir erinnerten uns jedoch an Lucys Erzählungen, dass Dinge angeblich nicht verfügbar waren, um mehr Profit aus der teureren Alternative schlagen zu können. Also entschlossen wir uns vorerst zu Nadirs Wohnung zurückzukehren, erneut zu recherchieren und notfalls ihn nochmals um Rat zu fragen. Kurz nachdem wir das letzte Busbüro verlassen hatten, kam es zur zweiten beunruhigenden Situation. Zwei junge Männer schnitten uns den Weg ab. Einer hielt mich (Chris) am Arm fest, während der andere versuchte an meine Tasche zu kommen. Erst nach einem Schubser und lautstarkem “Fass uns nicht an!” ließen sie von uns ab.

Busbahnhof – Die Odyssee ging weiter

Zurück in der Wohnung fanden wir heraus, dass es anscheinend wirklich keine Direktverbindung nach Lalibela gab und es relativ kompliziert und zeitaufwendig war, dort hinzugelangen. Lalibela war für uns zunächst gestrichen und Bahir Dar, unweit der Tisissat-Wasserfälle, wurde unsere Alternative. Erneut brachen wir zum Meskel-Platz auf. Und wieder hatten wir erstmal Pech. Der wirklich freundliche Mitarbeiter in einem der Ticket-Büros, sagte uns, dass seine Linie leider keine Fahrten nach Bahir Dar anbietet. Dafür nannte er uns eine andere, deren Büro nur 200 Meter entfernt lag. Nachdem wir dankend den Container verließen, fing uns ein Mann mit brauner Kapuzenjacke ab, der unser Gespräch durch die offene Tür mitgehört hatte. Angeblich wusste er, wo das Büro unserer Linie sei und er wollte uns gern dahin bringen. Allerdings zeigte er dabei in eine völlig andere Richtung, als es uns kurz vorher gezeigt wurde. Er reagierte übertrieben betroffen, als wir ihm nicht glaubten und mimte den tief Enttäuschten. Außerdem riet er uns nochmals zurück zu gehen und uns nach der Richtung zu vergewissern. Dass wir dies tatsächlich taten und uns gesagt wurde, dass der Typ vor der Tür uns wahrscheinlich zu einer anderen Buslinie locken wollte, hielt ihn nicht davon ab uns weiter zu bedrängen. Er bestand förmlich darauf, das sein Weg, der Richtige sei. Wir lehnten freundlich ab und gingen in die korrekte Richtung. Er folgte uns. Und zwar bis in das neue Busfahrkarten-Büro und setzte sich direkt neben uns. Hier bekamen wir zwar endlich unsere Tickets, allerdings war es auch gleichzeitig der Anfang vom Ende unseres Äthiopienaufenthaltes.

Todesangst

Die Dame, die uns die Fahrkarten ausstellte, benötigte eine Telefonnummer. Auf die Schnelle hatten wir nur eine deutsche Mobilfunknummer parat. Als unser unheimlicher Begleiter nun hörte, dass wir aus Deutschland kamen, begann er uns zu beleidigen. “Du siehst aus wie Hitler! Du bist Hitler! Und dein Vater ist Hitler!”, er begann sich immer mehr in Rage zu reden. Mit uns im Büro waren außer ihm und uns noch drei Mitarbeiterinnen der Buslinie und ein paar weitere Kunden, die ihn nun äußerst verärgert baten sofort zu verschwinden. Leider erfolglos. Sogar Drohungen, die Polizei zu rufen, interessierten ihn nicht und er blieb. Erst als zwei Männer ihn gewaltsam aus dem Container zogen und vor der Tür zurecht wiesen, verschwand er in Richtung Straße. Wir hatten nun nach all diesen Vorfällen endlich unsere Tickets. Unsere Euphorie war jedoch längst wieder der Unsicherheit gewichen. Wie nicht anders zu erwarten, lauerte er uns auf der Straße auf und setzte seine Hasstiraden fort. Und es kam noch schlimmer. Er kam bis auf ein paar Zentimeter dicht an uns heran und sagte wortwörtlich: “Jetzt ist es Zeit euch umzubringen!” Seinem Blick zufolge, schien er dies auch durchaus ernst zu meinem. Ich sagte nur noch zu Moni: “Renn!”

Wir rannten also die Hauptstraße entlang und suchten die Sicherheit auf dem belebten Gehweg. Immer wieder schauten wir uns um, waren uns aber nicht sicher, ob er uns folgte. Das Problem war nämlich, dass wir als einzige Weißen auf der Straße nicht in der Masse verschwanden. Im Gegensatz zu ihm. Nach etwa einem Kilometer rannten wir nicht mehr, waren aber weiter schnellen Schrittes zurück zur Unterkunft unterwegs. Wir waren uns eigentlich sicher, dass er inzwischen von uns abgelassen hatte. Doch nach weiteren 500 Metern tauchte er wie aus dem Nichts erneut direkt neben uns auf. Er hatte inzwischen seine Kapuzenjacke ausgezogen. Wir hielten natürlich die ganze Zeit nach der braunen Jacke ausschau. In seinem weißen T-Shirt war er aber unter den vielen anderen Menschen für uns einfach unsichtbar geworden und war uns die ganze Zeit über gefolgt. Wieder fielen die Worte: “Ich werde euch jetzt töten.” Das ganze wurde noch unheimlicher, da er mit der Hand in eine Plastiktüte griff. Von Unsicherheit konnte nun keine Rede mehr sein. Nun hatten wir Todesangst. Wieder rannten wir um unser Leben. Diesmal aber nur wenige Meter direkt in ein Restaurant und baten um Hilfe.

Im Zick Zack durch Addis

Sofort sprangen einige Gäste auf, die unsere Panik registrierten und fragten, was los sei. Völlig fertig erklärten wir unsere Situation und deuteten auf unseren Verfolger. Er hatte uns inzwischen eingeholt, spielte aber im Vorbeigehen den unschuldigen Fußgänger, obwohl wir vehement auf ihn zeigten und brüllten: “Das ist er! Das ist er!” Als ihn daraufhin eine Menschentraube umzingelte, tat er so, als wisse er überhaupt nicht, worum es ginge. Zum Glück glaubte man uns mehr als ihm. Sie packten ihn am Kragen, riefen uns zu sich und suggerierten, dass wir ihn nun schlagen können, wenn wir wollten. Wir lehnten dankend ab und baten sie lediglich, ihn für 10 Minuten festzuhalten, um ihn endlich abhängen zu können. Ein Mann sagte uns, dass nun alles gut wird und wir verschwinden können. Bis uns die Lunge weh tat und der letzte Tropfen Speichel im Mund getrocknet war, rannten wir im Zick Zack durch die Straßen von Addis. Trotzdem drehten wir uns immer wieder paranoid um, immer mit der Angst ihn um die nächste Ecke biegen zu sehen. Es lag noch etwas Strecke vor uns zu Nadirs Wohnung, aber er tauchte zum Glück nicht noch einmal auf. Doch die Angst in uns blieb. Genau wie die Frage, was genau wir falsch gemacht hatten. Uns war es ein komplettes Rätsel, welches Problem er mit uns hatte. Dass wir ihn nicht zu einem Ticket-Büro begleiten wollten, wo wir gar nicht hin wollten, kann doch wohl kaum ein Grund gewesen sein, jemanden töten zu wollen und dafür für fast zwei Kilometer hinterher zu hetzen. Der Typ war einfach nur gestört.

Eine schwere Entscheidung

Natürlich erzählten wir zurück in der Wohnung von den Geschehnissen. So etwas hatten selbst Lucy und Luke noch nicht erlebt. Nadir versuchte das ganze etwas herunter zu spielen. Nur eine blöde Ausnahme. Nur zur falschen Zeit, am falschen Ort. Nur ein Verrückter. Wahrscheinlich hatte er recht. Wahrscheinlich würden am Ende die schönen Erlebnisse in Äthiopien überwiegen. Aber das änderte nichts an unserer riesigen Angst. Denn der Irre saß ja die ganze Zeit mit im Busbüro und wusste genau, wo wir hin wollten, mit welchem Bus wir fahren würden und um welche Uhrzeit die Abfahrt war. Hinzu kommt noch, dass es in aller Herrgottsfrühe, also noch im Stockfinsteren gewesen wäre. Jede Wette, dass er uns dort am nächsten Morgen erwartet hätte. Außerdem kommt man immer wieder zu diesem Busbahnhof zurück. Man wäre nach der Nordroute, nur über Addis Abeba weiter in den Süden gekommen. Danach das selbe Spiel, um eventuell in den Westen zu gelangen uns so weiter. Immer wieder wären wir an unseren persönlichen Horror-Ort gelandet.

Dieses wirklich miese Gefühl in der Magengegend wurden wir nicht mehr los. Noch nie sagte unser Bauchgefühl so eindeutig: “Ihr müsst hier weg!” Noch am selben Abend fällten wir die wirklich schwere Entscheidung Äthiopien wieder zu verlassen. Immerhin stand dieses Land ganz weit oben auf unserer Wunschliste. Nur zu gerne hätten wir all die Schönheit in uns aufgesaugt. Doch leider hatten wir einen hässlichen Start. Hässlich genug, um die Bustickets verfallen zu lassen. Aber das war uns jetzt egal, denn unsere Sicherheit war uns mehr wert.

Ein versöhnliches Ende in Addis Abeba

Es tat uns zwar im Herzen weh und es fühlte sich irgendwie nach Aufgeben an, aber wir buchten Flüge für den übernächsten Tag. Raus aus Äthiopien. Bitte versteh uns nicht falsch. Wir wollen hier niemanden Äthiopien madig machen oder generell davon abraten dieses Land zu bereisen. Aber wir persönlich stellten leider fest, dass wir einfach noch nicht bereit waren es auf eigene Faust zu entdecken. Es gibt genügend Menschen, die hier ausschließlich schöne Erlebnisse hatten. Und selbstverständlich ist auch der Großteil der Äthiopier friedlich und freundlich. Nadir war hierfür das beste Beispiel. Für uns hat allerdings die Summe aller Eindrücke und Erlebnisse der ersten 3 Tage zu dieser Entscheidung geführt. Man muss eben auch auf sein Bauchgefühl hören. Wenn das nun mal sagt, dass es noch nicht an der Zeit ist, sich hier wohl und sicher zu fühlen, kommt man nur schwer dagegen an. Da kann man sich noch tausend Mal einreden, dass es nur Pech war und es bestimmt besser wird.

Nadir, Lucy und Luke konnten es letztendlich auch nachvollziehen. Am nächsten Abend gingen wir noch einmal alle zusammen in das Restaurant mit dem Luxus-Injera, wo wir an unserem ersten gemeinsamen Abend schon aßen. Wir hatten schließlich noch etwas Bargeld auszugeben und luden nun alle zum Essen ein. Und wann hat man schon mal die Gelegenheit 5 Leute für gerade einmal 30 Euro einzuladen. Ein schönes und versöhnliches Ende in Addis Abeba. Nach einer kurzen Nacht, fuhr uns Nadir am frühen Morgen zum Flughafen. Selbstverständlich wieder vor seiner Arbeit. Einfach ein toller Kerl!

Äthiopien, irgendwann sind wir bereit für dich. Gib uns noch ein bisschen Zeit. Wir kommen wieder.