Mazeri

Ein Ort der Ruhe

Mazeri – Ein kleines Dorf mitten im Kaukasus. Kein Supermarkt, keine Restaurants, keine Menschen auf den Straßen. Es regnete in Strömen. Nur ein paar Schweine eilten vor unserem Geländewagen über die Schotterpiste. Um uns herum ließen die tief hängenden Wolken die Bergketten, die das Tal umgeben, nur erahnen.

Je näher wir unserer Unterkunft kamen, desto schlechter wurde die Straße. Was zuerst noch eine halbwegs annehmbare Schotterpiste war, wandelte sich mehr und mehr in einen holprigen Trampelpfad. Das erste mal brauchten wir auch wirklich den Allradantrieb. Angekommen auf dem kleinen Gehöft unserer Gastgeber stiegen wir aus dem Auto. Wir hatten noch kurze Hosen und T-Shirts an, da das Thermometer bei unserer Abfahrt in Kutaissi noch 25°C zeigte. Hier, in 1.600 Metern Höhe waren es 15 weniger. Auf dem Gelände gab es insgsamt 6 Zimmer, verteilt auf Haupthaus und angebauten Seitenflügel. Jedoch alle ohne Heizung. Am Abend wärmten wir uns noch etwas am Kamin im Wohnzimmer der Gastgeber auf, der auch gleichzeitig der Speise- und Aufenthaltsraum war.

Am nächsten Morgen war das Wetter deutlich besser. Mit dem ersten Schritt aus unserem Zimmer, klappten uns die Kinnladen herunter. Unser Blick wanderte vom Tal mit weidenden Kühen, über den kleinen Dorfkern, bis hoch zum imposanten Gipfel des Ushbas. Wunderschön! Wenig später stand für uns das Frühstück bereit. Viel zu viel und alles selbst hergestellt. Handgemachter Käse und Joghurt, selbst gebackenes Brot, Gurken und Tomaten aus dem Garten und Feijoa-Marmelade. Dazu gab es jede Menge traditionelle Gerichte wie Baridschani, gegrillte Auberginenröllchen mit Wallnusspaste oder Chatschapuri, ein mit Käse gefülltes Hefebrot.

Mazeri ist im Gegensatz zu Mestia, das ein Tal weiter östlich liegt, noch eher untouristisch. Es gibt zwar einige kleine Gasthäuser und ein kleines Hotel (das sich witziger Weise „Grand Hotel“ nennt), aber das war es dann auch schon. An das öffentliche Nahverkehrsnetz ist der Ort nicht angeschlossen. Die Marschrutkas, kleine Minibusse, mit denen man in Georgien von A nach B kommt, halten nur im 7 km entfernten Becho. Den Rest muss man laufen, wenn man kein eigenes Auto hat.

Unsere neue Leidenschaft, das Wandern

Wir brachen nach dem Frühstück auf. Zum Wandern mal wieder. Wir entwickelten uns langsam, aber sicher zur echten Wanderfreunden. Die Reste vom Frühstück, soweit es ging, in unsere Frischhaltedosen gestopft und es ging los. Steil! Von Anfang an! Einfach nur steil! Auf kürzestem Weg mussten wir 650 Höhenmeter meistern. Unser Ziel war eine wunderschöne Alm mit einem kleinem Bergsee, nur 3,2 km von unserer Unterkunft entfernt. Der Aufstieg begann genau hinter dem Haus, zunächst über eine Weide, dann durch einen kleinen Laubwald, der später hohen Nadelbäumen wich.

Ich (Chris) weiß nicht woran es lag. Meine Wanderschuhe habe ich nicht erst seit gestern und ich hatte damit bisher nie Probleme. Auch nicht auf ähnlichen Anstiegen. Aber es dauerte nicht lang und ich hatte an beiden Hacken fiese Blasen. Egal – Schmerz verdrängt und Landschaft genossen. Wir hatten inzwischen die Baumgrenze erreicht.

Nun standen wir vor dem kleinen Bergsee. Nett anzusehen, aber nicht wirklich spektakulär. Der absolute Hammer war jedoch die Aussicht. Zu beiden Seiten des Bergkamms, sahen wir schneebedeckte Gipfel und weite Täler. Wirklich wahnsinnig schön! Hier oben gab es noch eine kleine Kirche und weidende Kühe. Und außer uns, keine Menschenseele. Man hörte nichts als die Natur. Zirpende Grillen, summende Bienen und ab und zu muhte eine Kuh. Wir saßen eine ganze Weile da, niemand sprach und wir lauschten einfach.

„Das ist sooo schön!“, wiederholten wir uns im 5-Minutentakt. Ich glaube mich sogar erinnern zu können, dass Moni etwas sagte, wie: „Du musst alleine zurück. Ich lebe jetzt hier. Mach‘s gut.“ Da in der Ferne jedoch ein Gewitter aufzog, mussten wir den Rückweg antreten. Ich bin mir fast sicher, dass Moni es auch ohne Blitz und Donner nicht durchgezogen hätte. Es folgte der Abstieg und am Abend ein nicht minder üppiges Abendessen vor dem warmen Kaminofen. In unserem Zimmer gab es glücklicher Weise dicke Daunendecken, in die wir uns gut aufgewärmt kuscheln konnten und bald einschliefen.

Himbeeren und der Shdrugra-Wasserfall

Der nächste Tag. Die Füße hatten die letzte Wanderung noch nicht ganz verkraftet, da starteten wir schon in die nächste. Es erwarteten uns 15 km und 465 Höhenmeter. Unser Ziel – Der Shdugra-Wasserfall. Er liegt in etwa 2.300 m Höhe und ist damit der höchstgelegenste Wasserfall Georgiens. 

Die Route führte zunächst bei strahlendem Sonnenschein entlang des Flusses Dolra, mit mäßiger Steigung. Uns wurde hier wieder bewusst, welch wunderschönes Fleckchen Erde Georgien doch ist. Das Rauschen der Stromschnellen vor der Kulisse der mächtigen Bergkämme war einfach so wunderbar idyllisch. Der schnellste Weg zum Shdugra führt entlang des Ostufers des Dolras. Der Haken daran: Man muss sich immer vorher vergewissern, ob die Brücke, die zum Erreichen der weiteren Route überquert werden muss, auch wirklich steht. Sie wird nämlich ab und zu von Sturzfluten weggespült. Wir nahmen vorsichtshalber den längeren Pfad am Ostufer.

Bald erreichten wir einen Wald. Über eine weitere Brücke, die Sturzfluten offenbar besser standhält, kamen wir in ein Basecamp. Es dient wahrscheinlich unter anderem als Ausgangspunkt für Bergsteiger, die von hier aus den Ushba besteigen wollen. Der Pfad wurde nun schmaler und felsiger, die Bäume wichen Gräsern und Himbeersträuchern. Das ließen wir uns selbstverständlich nicht nehmen, in 2.000 m Höhe Himbeeren zu pflücken. Zumal sie zuckersüß und lecker waren! Mit den letzten Sonnenstrahlen schafften wir es zum Wasserfall und wurden außerdem mit einem fantastischen Ausblick auf das Tal belohnt. Der Shdugra donnerte tosend die Felswand hinuter, während sich dicke Wolken vor die Sonne schoben und es sich rasant abkühlte. Als es kurz danach auch noch zu regnen anfing, mussten wir alle Register ziehen, die unser Zwiebellook zu bieten hatte. Shirt, Fleecejacke, Daunenjacke und Regenjacke waren für den Rückweg im Einsatz. Ein gutes Beispiel dafür, dass man in den Bergen immer mit rapiden Wetterumschwüngen rechnen muss.

Zurück in der Unterkunft, überreichten wir unserer Gastgeberin noch einen Strauß aus selbstgepflückten Bergblumen. Trotz schmerzender Füße, lag eine weitere wundervolle Wanderung hinter uns, die wirklich jeden Schritt wert war. Abends am Ofen mit einer heißen Tasse Tee in der Hand, den Blick aus dem Fenster auf den letzten Dämmerungsschimmer der Bergspitzen gerichtet, erfüllte uns eine wohlige Wärme und Zufriedenheit.

Trotz oder gerade wegen der Abgelegenheit, hat uns Mazeri unglaublich viel gegeben. Ruhe, Entschleunigung, bildschöne Wanderouten und ein spektakuläres Panorama!