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Übernachtbus nach Kappadokien

Wieder über Nacht fuhren wir mit dem Bus nach Nevşehir in Kappadokien. Der Bus war diesmal viel bequemer als auf der Fahrt nach Trabzon. Viele türkische Fernbusunternehmen nutzen nämlich die sogenannten 2+1-Busse, bei denen sich links eine Reihe mit Zweiersitzen und rechts eine mit Einzelsitzen befinden. Die Sitze sind dadurch breiter und bequemer. Außerdem hat jeder seine eigene Armlehnen. Die Busse haben zwar keine Toilette an Bord, jedoch werden genügend Zwischenstopps an Raststätten eingelegt. Eine ältere Dame neben uns im Bus, schenkte uns zwei Laugengebäckkringel. Wieder einmal einfach so. Einfach weil sie gastfreundlich war.

Das Merkwürdige ist, dass die Ankunftszeiten, die auf den Bustickets standen, nie stimmten. Wie schon in Trabzon, kamen wir auch in Nevşehir zwei Stunden zu früh an. Um 6 Uhr, statt um 8 Uhr. Nevşehir war jedoch nicht unser finales Ziel an diesem Morgen. Wir wollten weiter nach Göreme. Da um diese Uhrzeit noch keine Dolmus-Busse fuhren, teilten wir uns mit einem Pärchen ein Taxi. Er kam aus Russland und sie aus Weißrussland. Gemeinsam reisen die beiden nun schon seit drei Jahren um die Welt und finanzieren sich ihren Lebensunterhalt durch Straßenmusik. Ein sehr aufregender Lifestyle! Auf der Fahrt nach Göreme sahen wir zum ersten Mal den Grund, weshalb jeder nach Kappadokien kam. Besser gesagt die Gründe: Dutzende Heißluftballons stiegen vor atemberaubender Kulisse in den dämmernden Morgenhimmel.

Zwei weitere Premieren

Nachdem wir in Trabzon unsere erste Per-Anhalter-Erfahrung hatten, warteten zwei weitere Premieren auf uns. Erstmals auf unserer Reise hatten wir vorher keine Unterkunft gebucht und schlossen uns den beiden Straßenmusikern auf der Suche nach einem Hostel an. Bei einem der günstigsten war die Rezeption nicht besetzt, sodass wir zunächst im Garten warteten und die Ballons beobachteten. Da auch nach einer Stunde niemand erschien, zogen wir weiter. Und wir hatten Glück. Wir fanden nicht nur ein Hostel, sondern durften auch sofort ins Zimmer. Und hier kam es zur nächsten Premiere für uns. Unser Raum war nämlich ein 20-Bett-Zimmer. Erfahrungen in Mehrbettzimmern hatten wir nämlich bisher noch keine. Da wir diesmal im Bus tatsächlich etwas schlafen konnten, brachen wir eine Stunde später, nach einem nur kurzen Nickerchen, zu unserem ersten Ausflug auf.

Unterirdische Höhlenstadt Derinkuyu

Mit dem Bus fuhren wir zunächst zurück nach Nevşehir und stiegen dort um Richtung Derinkuyu. Hier befindet sich die gleichnamige unterirdische Höhlenstadt. Für umgerechnet etwa 7 Euro Eintritt ging es für uns tief hinab. In 8 Stockwerken und 60 Metern unter der Erde, wurden sämtliche Räume dem Felsen abgerungen und sind mit Gängen und Treppen verbunden. Ein ausgeklügeltes Belüftungssystem funktioniert bis heute. Entdeckt wurde Derinkuyu durch Zufall, als ein Bewohner der Gegend einen mysteriösen Raum hinter einer Mauer fand. Die Bewohner an der Oberfläche seit Jahrhunderten Wasser aus der Bewässerungsanlage der unentdeckten Höhlenstadt geschöpft, ohne es zu wissen. Wann Derinkuyu gegründet wurde, ist umstritten. Manche Schätzungen gehen von vor bis zu 4.000 Jahren aus. Als sicher gilt jedoch, dass die heutige Form zwischen dem 6. und 10. Jahrhundert von Christen geschaffen wurde, die hier Schutz vor mongolischen Invasoren fanden. Unvorstellbar, dass in den Höhlen einst bis zu 20.000 Menschen lebten.

Es war teilweise ein beklemmendes Gefühl, hier unten zu sein. Besonders, wenn man in einen der Belüftungs- und Verorgungsschächte blickte, die nach unten hin nur in einem schwarzen Nichts enden. Teilweise bot die Kulisse perfektes Hororfilm-Ambiente. Weiter unten gab es sogar eine Kirche, Grabkammern und einen großen palastartigen Raum. In Kappadokien gibt es noch über 50 weitere Höhlenstädte, die teilweise durch Tunnel miteinander verbunden waren sollen. Zurück am Tageslicht, hatte sich das Wetter von strahlendem Sonnenschein zu schwarzen Gewitterwolken gewandelt. Als wir wieder im Bus saßen fing es an, wie aus Kübeln zu gießen. In Göreme schien dann wieder die Sonne. Ein kurzer Vorgeschmack für das wechselhafte Wetter Kappadokiens.

Die große Enttäuschung

Im Hostel lernten wir Fumiya kennen, ein junger Japaner, der bereits seit 8 Monaten durch die Welt reiste. Für Japaner untypisch ist dabei die Auswahl seiner Reiseländer. Er schreckt keinesfalls vor schwierigen Reiseländern zurück. Er war fast überall in Südamerika und in vielen Ländern Afrikas, wie Botsuana, Simbabwe, Sambia und Ruanda. Er liebäugelte nun sogar mit Afghanistan. Außerdem ist er ein echter Sparfuchs. Wenn ihm etwas zu teuer ist, verzichtet er einfach und schläft zur Not auf der Straße oder in Parks. Unglücklicher Weise wurde er deshalb bereits drei mal ausgeraubt, sodass er wahrscheinlich mit einer bezahlten Übernachtung günstiger weg gekommen wäre. Wir verpassten ihm den Spitznamen “Crazy Fumi”. Mit ihm verabredeten wir uns für den nächsten Morgen, um die Heißluftballons nun ganz in Ruhe beobachten zu können. Am Tag unserer Ankunft, waren wir ja vorwiegend mit der Hostelsuche beschäftigt. Um 5:30 Uhr brachen wir auf. Es folgte eine halbe Stunde Fußmarsch ins Rose Valley, von wo wir uns die besten Chancen auf einen Rundumblick ausmalten. Vorbei an den riesigen Ballon-Körben, die im Tal für den Start bereit gemacht wurden, stiegen wir auf einen der vielen zerklüfteten Tuffsteinhügel und fanden den perfekten Aussichtspunkt. Ganz ohne große Menschenmengen, wie es an vielen anderen Stellen der Fall gewesen wäre.

Die Landschaft Kappadokiens ist so surreal. Die vulkanischen Tuffsteinfelsen haben im laufe der Zeit durch Erosion bizarre Formen angenommen. Überall ragen spitze Kegel und Steinsäulen aus dem Boden. Hinzu kommt noch, dass über Jahrtausende unzählige Höhlen in den weichen Sandstein geschlagen wurden, die so einem schweizer Käse ähneln.

Wir hatten also unsere Positionen eingenommen, die Kamera gezückt und warteten auf den Start der Ballons. Wir schauten auf die Uhr und wunderten uns, denn am Vortag waren um diese Zeit die ersten Ballons längst in der Luft. Die Körbe standen nun jedoch immer noch am Boden und kein einziger Ballon wurde für den Flug vorbereitet. Im Gegenteil, die ersten packten bereits wieder zusammen und verließen das Gelände. Was für eine Enttäuschung. Zurück im Hostel trafen wir King, ein Urlauber aus Hong Kong. Er hatte hier einen Ballonflug gebucht, der nun im wahrsten Sinne des Wortes abgeblasen wurde. Man sagte ihm, dass der Wind wohl zu stark gewesen wäre und Gewitter vorhergesagt wurden. Er hoffte nun auf den nächsten Tag.

Alberner Tag im Love Valley

King schloss sich Fumiya und uns an, um gemeinsam einen Ausflug ins Love Valley zu unternehmen. Der Weg dorthin war stets umgeben von den vielen skurrilen Felsgebilden und später mit toller Sicht über Göreme. Am Love Valley angekommen, sahen wir schon aus der Ferne, wie das Tal zu seinem Namen kam. Etliche freistehende Felssäulen ragten in den Himmel. Und was reimt sich auf Himmel? Exakt! Genau so sahen sie aus. Das Tal war aber auch so spektakulär. Teilweise fast weiße Sandsteinwände umrandeten die maskulinen Gesteinsformationen. Mit Fumiya und King hatten wir die perfekte Gesellschaft für unseren vielleicht etwas unreifen Humor. Ein Wortwitz jagte den anderen. Wir kamen oft nur schwer aus dem Lachen heraus. Nach einer Menge anstößlicher Fotos, machten wir uns langsam auf den Rückweg. Es zogen immer wieder kurze schwache Schauer über uns hinweg. Meist tröpfelte es nur für fünf Minuten oder weniger, aber nun zogen doch dickere Wolken auf.

Trocken erreichten wir das Hostel und lernten in der Lobby Shanti kennen. Ein sehr sympatischer Inder, der fortan Teil unserer kleinen Gruppe wurde. Von der Rezeption erhielten wir eine Nachricht, die insbesondere King nicht hören wollte. Auch für den nächsten Tag waren sämtliche Ballonflüge gestrichen. Für ihn stand nun fest, dass er hier keinen Flug erleben würde. Er verbrachte nämlich nur 14 Tage in der Türkei und hatte nur begrenzte Zeit für Kappadokien eingeplant. Da auch für die nächsten Tage wettertechnisch keine Garantie bestand, entschied er sich noch am selben Abend, den Nachtbus nach Antalya zu nehmen. Doch vorher gingen wir noch gemeinsam Abendessen, gefolgt von einer lustigen Spielerunde. Trotz schlechtem Englisch, brachten wir allen das Würfelspiel “Lange Straße” bei. Später verabschiedeten wir uns von King und gingen zu Bett.

Wandern im Pigeon Valley

Noch vor dem Frühstück genossen wir, unweit von unserem Hostel, gemeinsam mit Shanti den Sonnenaufgang über den atemberaubenden Tälern Kappadokiens. Der Tag hielt für uns eine Wanderung ins Pigeon Valley bereit. Neben Fumiya und Shanti, war diesmal noch die Brasilianerin Gabriela mit dabei, die wir beim Frühstück kennenlernten. Auch das Pigeon Valley war wunderschön. Mitten in einigen der Felswände waren Türen zu erkennen, bei denen es sich um ehemalige Gefängniszellen handelte. Der Weg führte uns hinauf auf ein kleines Plateau, wo man sich wieder einmal kaum an der Landschaft satt sehen konnte. Wir hatten in den letzten Tagen, durch die Nachtbusfahrt und das frühe Aufstehen für die letztendlich nicht gestarteten Heißluftballons und den Sonnenaufgang an diesem Morgen, nicht sonderlich viel geschlafen. Wir fühlten uns jedenfalls einfach schlapp und uns ging sprichwörtlich die Puste aus. Also kehrten wir auf halben Weg um, während unsere drei Mitstreiter die Wanderung fortsetzten. 

Am Abend trafen wir uns alle wieder und brachten nun auch Gabriela das Würfeln bei. Und natürlich gewann sie das erste Spiel haushoch. An der Rezeption schätzte man die Chancen für die Ballons am nächsten Morgen übrigens Fifty-Fifty ein. An 300 Tagen im Jahr sind die Wetterverhältnisse perfekt und wir hatten nun schon zwei Tage am Stück keine Ballons gesehen. Wenn sie also diesmal wieder am Boden bleiben würden, hätten wir, wie auch schon King, einfach mal Pech gehabt. Denn auch wir wollten Kappadokien am nächsten Tag verlassen.

Ein magischer Morgen

Um 5 Uhr klingelte der Wecker. Unsere kleine “Reisegruppe” versammelte sich in der Lobby. Die Chancen standen laut Rezeption weiterhin Fifty-Fifty. Auf dem Weg ins Rose Valley, wo wir ja bereits den perfekten Aussichtspunkt gefunden hatten, fuhren eine Menge Geländewagen mit Ballonkörben auf ihren Anhängern an uns vorbei. Ein gutes Zeichen, aber immer noch keine Garantie. Erst als wir unser Ziel erreichten, sahen wir im Tal vor uns, dass die ersten Ballons mit Heißluft gefüllt wurden. Endlich! Wir hatten tätsächlich Glück. Es dauerte nicht lang, als in den Tälern um uns herum unzählige Ballons in den Himmel aufstiegen. Am Horizont war erst ein kleiner rötlicher Schimmer zu sehen, sodass es noch relativ dunkel war. Wenn die Piloten die meterhohen Flammen dicht über den Körben zündeten, leuchteten die Ballons wie eine gigantische blinkende Lichterkette am Himmel. Kappadokien ist eine sehr touristische Region, in der man auch deutlich höhere Preise zahlt. Aber das hier war es allemal wert! Wir haben selten so etwas wunderschönes gesehen. Ein Gefühl der Glückseligkeit durchströmte uns, als hunderte Ballons vor der inzwischen aufgehenden Sonne sanft vorüber schwebten. Auch für Gabriela, Fumiya und Shanti war die Freude grenzenlos. Das ganze Spektakel dauerte etwa zwei Stunden, bevor wir uns wieder auf den Rückweg machten. 

 

Nach dem Frühstück ging es für uns direkt zum Busbahnhof. Wir verabschiedeten uns von unseren drei Begleitern und verließen Kappadokien. Im Gepäck neue Freundschaften und äußerste Zufriedenheit.